Loslassen durch Einlassen

Vielen Menschen fällt es schwer etwas loszulassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir Gutes oder Schlechtes loslassen wollen, denn hinter jedem Loslassen steckt das Gefühl, das ein Teil von uns stirbt. Wir haben uns mit dem Gefühl so vertraut gemacht, dass ein Loslassen unnatürlich wirkt.


Wenn man mit Menschen über diese Gefühle spricht, hört man oft den Ratschlag: „du musst einfach loslassen“, aber so einfach ist es nicht. Fragt man diese Menschen dann, wie genau man das machen soll, kommen häufig Ratschläge die der Ablenkung dienen. Das mag zwar zeitweise funktionieren, aber sobald man alleine in der eigenen Stille sitzt, holen einen die Gefühle wieder ein. Es folgt der gleiche Teufelskreis, wie Probleme mit Alkohol bewältigen zu wollen.


Besonders Frauen können untereinander zu Gift mutieren, wie ich es mit einer damaligen guten Freundin erlebt habe. Sie selbst gehörte zu den Frauen, die über alles mit anderen sprechen wollte. Das zeigte eine Menge Vertrauen und schafft tiefe Verbundenheit, aber kann besonders energieziehend werden, wenn man vermehrt über Probleme philosophiert statt die Lösungen dieser angeht.

Bevor ich ihr Zutritt in mein Leben gewährte, hatte ich mit Loslassen keinerlei Probleme. Bis dato spielte ich Probleme mit mir selbst durch, in dem ich die Situationen reflektierte und mich auf meine Gefühle einließ. Erst als ich mich ihr gegenüber zu meinen Gefühlen geöffnet hatte und dadurch in den Teufelskreis des „ständigen Problem-Philosophierens“ eintrat, wurde Loslassen plötzlich zum unerreichbaren Ziel. Besonders ärgerlich wurde es dann noch, wenn sie einen plötzlich ebenfalls mit dem Satz: „du musst einfach loslassen“ abstrafte, wenn sie keine Lust mehr hatte jemanden zuhören zu wollen. Andersherum nahm sie dann gerne die Rolle des Opfers ein, wenn man ihr den Satz ebenfalls entgegenbrachte, und forderte regelrecht eine schnelle Rettung aus ihrer Situation. (So kam es auch überwiegend dazu, dass sie Lösungen von ähnlichen Szenarien 1:1 auf sich übertragen wollte, wenn sich diese als erfolgsversprechend erwiesen - auch, wenn diese Erfolge nachweislich nur von kurzer Dauer geprägt waren.)


Doch was genau war der Unterschied? Welches Geheimnis des Loslassens, hatte ich in Kombination mit der Freundin verloren?

Ganz einfach – das Einlassen!

Bei meiner Reflexion ließ ich mich in meine Gefühle ein. Ich betrachtete nicht nur, wie ich mich gerade fühlte, sondern auch wie ich mich fühlen und woran ich festhalten wollte. Meist steckte dort auch ein Gefühl hinter, weil ein Bedürfnis dann keine Erfüllung mehr bekam.

Hier ein Beispiel aus meiner Jugendzeit:

Ein Ex-Freund und ich hatten uns gestritten. Während wir über Textnachrichten über den Streit kommunizierten, beendete er plötzlich die Beziehung. Auf meine Nachfragen, weswegen er nun genau Schluss machte, bekam ich keine Antwort.

Hätte ich mit der oben besagten Freundin damals über dieses Szenario gesprochen, wären wir philosophisch nur der Frage nachgegangen, wieso er mir keine Antwort gibt und weshalb er dieser Frage auch massiv aus dem Weg ging und mir jegliche Chance auf Bewältigung durch Gewissheit nahm. [Ich hätte mich abhängig von seinem Verhalten gemacht.]


Stattdessen ließ ich mich damals auf meine Gefühle ein. Ich war traurig über die zerbrochene Beziehung und sauer auf ihn, dass er sie einfach beendete, statt mit mir den Konflikt zu bearbeiten. Zudem war ich sauer, weil ich komplett unwissend zurückgelassen wurde und er mir damit sogar noch das Gefühl vermittelte, ich sei es nicht wert über die Wahrheit zu verfügen.

Nach wenigen Tagen war ich bereits genervt von mir selbst, dass ich trotz meiner Wut zu ihm über die Beziehung trauerte. Immerhin verhielt er sich wie der "Arsch" – nicht ich! Und selbst wenn ich in der Beziehung etwas getan hatte, was ihn dazu ermutigte mich so zu behandeln – blieb er am Ende der "Arsch", da er dies nie kommuniziert und mit mir besprochen hatte. Wodurch auch die Möglichkeit einer Besserung ausgeschlossen geblieben wäre.

Die Toxizität lag also vermehrt bei ihm und ich trauerte dieser noch hinterher?
Das ist doch schon ein völlig absurder Gedanke, gestand sich sogar mein Kopf ein.

So änderte sich meine Trauer schlagartig in Wut gegen mich selbst und auch auf die ließ ich mich ein, denn dadurch wurden mir meine eigenen „Nettigkeiten“ bewusster. Momente unserer Beziehung, in der ich meine Grenzen überschreiten ließ oder sie gar selbst überschritt. Das machte mir deutlich, wo ich zukünftig früher einschreiten und für mich einstehen musste, denn egal wie doll die Bindung zur anderen Person ist – auf einer Waage wird dies nie ausgeglichen sein, wenn man sich nicht selbst für sich stark macht. Am Ende ließ ich mich auf die Dankbarkeit ein, dass er die Beziehung beendet hatte, denn sonst wäre dieser Teufelskreis womöglich noch weiter gelaufen und ich hätte mich immer mehr für die Beziehung aufgeopfert - denn dies hatte ich bereits vorher schon getan. Während er Konflikte mied und auch keinerlei Ambition daran zeigte etwas zu ändern, arbeitete ich doppelt daran wieder Harmonie reinzubringen. Mit seinem Ende hatte er mich nicht nur freigegeben für was Besseres, sondern vor allem dazu befähigt, mich selbst besser zu lieben und Grenzen zu setzen bzw. rote Flaggen frühzeitig zu erkennen, anzusprechen und rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen - die meinen eigenen Werten entsprechen.

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